Historie & Hintergrund: Ein Erbe preußischer Manufakturkunst
1. Ein herrschaftlicher Auftrag
Das Dekor „Breslauer Stadtschloss“ auf der von Elias Meyer entworfenen Form „Antikzierat“ (später „Rocaille“ genannt) zählt zu den glanzvollsten Schöpfungen der KPM Berlin. Ursprünglich im Jahr 1767 für die privaten Gemächer Friedrichs des Großen entworfen, erfuhr dieses traditionsreiche Dekor in der Ära Friedrich Wilhelms IV. eine künstlerische Renaissance.
Unsere Teller aus dem Zeitraum 1837–1844 dokumentieren jene historisch bedeutsame Phase, als diese herrschaftlichen Dekore – wenn auch höchst selten – zunehmend für exklusive private Auftraggeber zugänglich wurden.
Da die Malerei-Bestellungs-Bücher dieser Epoche im Archiv der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) in Potsdam erhalten sind, besteht die berechtigte Aussicht, den ursprünglichen Besteller dieses Ensembles durch die Auswertung der historischen Kurrentschriften näher bestimmen zu können.
2. Wissenschaftlicher Realismus & Blumenmalerei
Während die KPM bereits im 18. Jahrhundert für ihre naturgetreue Blumenmalerei berühmt war, erreichte die Berliner Blumenmalerei im Biedermeier eine außergewöhnliche naturalistische Feinheit. Im Zeitalter Alexander von Humboldts erscheinen die Bouquets auf diesen Tellern beinahe wie wissenschaftliche Pflanzenstudien. Dank verbesserter Brenntechniken und neuer Pigment-Rezepturen weisen sie eine plastische Tiefe auf, die vielfach als Höhepunkt der Berliner Blumenmalerei angesehen wird.
3. Das Erbe der Zeptermarke
Der Zeitraum zwischen 1837–1844 markiert eine wichtige Phase der Markenentwicklung: die Einführung des gestempelten Zepters unter der Glasur mit dem Zusatz KPM. Ein geschlossenes 12er-Ensemble des Dekors „Breslauer Stadtschloss“ aus dieser kurzen, exakt definierbaren Phase zu finden, stellt eine dokumentarische Seltenheit dar. Dass dieses Ensemble als zeitgleich gefertigte Einheit entstand, lässt sich an nachvollziehbaren Merkmalen belegen:
• Die einheitliche Malerhand: Alle zwölf Teller tragen das identische, handschriftliche Malersignet „P.“. Die durchgehende Handschrift belegt, dass das gesamte Ensemble zeitgleich von einem einzelnen Meistermaler ausgeführt wurde.
• Farb- und Glasurkonsistenz: Das charakteristische „Königsblau“ des Schuppenmosaiks und der Goldton der Rocaillen wirken unseres Erachtens über alle Stücke hinweg auffallend konsistent. Da Pigmente damals in kleinen Chargen von Hand gemischt wurden, ist diese sichtbare Homogenität ein weiterer Hinweis auf einen gemeinsamen Produktionszyklus.
• Epochen-Identität: Alle Teller weisen die identische Zeptermarke mit Zusatz KPM auf. Diese Konsistenz spricht für die zeitgleiche Fertigung und Auslieferung des gesamten Satzes.
4. Preußische Romantik & Gesellschaftlicher Wandel
Die Ära von Friedrich Wilhelm IV. und seiner Gemahlin Elisabeth („Elise“) markiert in der politischen und kulturellen Geschichte die Spätphase von Restauration und Biedermeier (1815–1848) sowie den Übergang in jene gesellschaftlichen Umbrüche des Vormärz, aus denen sich nach 1848 der Realismus entwickelte (ca. 1848–1890).
Zugleich markiert sie den Zenit der künstlerischen Verfeinerung in der Porzellanmalerei des 19. Jahrhunderts. Der König, ein Visionär der „Preußischen Romantik“, förderte gezielt die Wiederbelebung glanzvoller friderizianischer Reliefformen wie die des Antikzierats sowie der dazugehörigen Prachtdekore.
Das vorliegende Ensemble aus den Jahren 1837 bis 1844 entstammt dabei einer historisch bedeutsamen Phase: Sie dokumentiert die letzten Jahre Friedrich Wilhelms als Kronprinz sowie – nach der Thronbesteigung im Juni 1840 – die ersten vier Jahre seiner Regentschaft. Mit seinem Amtsantritt erhielt die sogenannte „romantische Erneuerung“ Preußens neuen Auftrieb, die unter anderem auch die KPM zu einer neuen Phase künstlerischer Verfeinerung führte. Den krönenden Abschluss dieses Zeitraums markiert das Jahr 1844, in dem die Manufaktur ihre Meisterschaft auf der großen Berliner Gewerbeausstellung feierte.
In dem Spannungsfeld zwischen der Flucht ins Private und der idyllischen Naturverbundenheit des Biedermeiers sowie dem gesellschaftlichen Aufbruch des Vormärz stellt dieses private Set ein bedeutendes Zeugnis dar. Es belegt, dass neben dem erstarkenden Wirtschaftsbürgertum vor allem der traditionelle landständische Adel, die staatstragende adelige Offizierselite sowie der aufstrebende bürgerliche Beamtenadel jener Jahre begannen, die künstlerischen Insignien des Hofes für die eigene Repräsentation zu beanspruchen. In der gemeinsamen Vorliebe für dieses Porzellan fand die soziale Annäherung dieser Eliten ihren Ausdruck: Wer ein solches Service in Auftrag gab, brachte damit seinen Anspruch auf Teilhabe an der preußischen Hochkultur sowie seine kulturelle Nähe zur Monarchie zum Ausdruck.
5. Das Original als Maßstab der Moderne
Das Dekor „Breslauer Stadtschloss“ wird bis heute von der KPM Berlin auf der Form Rocaille als Dekor 64 gefertigt – doch dieses Ensemble um 1840 ist für uns das Referenzobjekt, an dem sich die Moderne messen lassen muss. Während zeitgenössische Stücke oft eine technische Glätte aufweisen, besitzt die Handarbeit des 19. Jahrhunderts unseres Erachtens eine stoffliche Tiefe und eine Weichheit im Gold, die heute kaum mehr erreicht wird. Dieses Ensemble repräsentiert jene handwerkliche Qualität, auf der der Weltruf der KPM Berlin bis heute gründet.
6. Die Aufgabe für die Zukunft: Die Suche nach dem Besteller
Obwohl die Teller heute als eigenständiges 12er-Ensemble glänzen, spricht nach Expertenansicht der KPM vieles dafür, dass sie ursprünglich Teil eines umfangreicheren Speiseservices waren. Ergänzungen wie Saucieren, Terrinen oder Schüsseln erscheinen durchaus naheliegend.
Dies macht die Erforschung der Malerei-Bestellungsbücher (Orderbücher) umso spannender: Dokumentieren die Archive lediglich dieses 12er-Ensemble – oder ein ursprünglich deutlich umfangreicheres Speiseservice? Weiter stellt sich die Frage, unter welcher Bezeichnung der Auftrag in den Archiven geführt wurde: bereits unter der Nummer Dekor 64 oder noch namentlich als Breslauer Schloß-Service (oder Blaues Service bzw. Antiqu(e) Zierat mit blauem Mosaik und Blumen)?
Als seltene private Auftragsarbeit besteht die berechtigte Aussicht, den ursprünglichen Besteller in den historischen Kurrentschriften des SPSG-Archivs zu identifizieren – auch wenn dies die Sichtung von knapp zehn Bänden nach verschiedenen Kriterien und Suchbegriffen erfordert. Wer gab diesen Auftrag in jener Zeit? Unter welcher Bezeichnung wurde er exakt geführt? Die Antworten auf diese Fragen könnten das letzte Puzzleteil in der außergewöhnlichen Geschichte dieses Ensembles sein.
7. Fortsetzung folgt ...
Da die historischen Malerei-Bestellungsbücher der betreffenden Epoche erhalten sind, bleibt die weitere Erforschung der Provenienz des Ensembles von besonderem Interesse. Sollten künftig neue Erkenntnisse zum ursprünglichen Besteller oder zur archivalischen Einordnung des Auftrags gewonnen werden, wird diese Dokumentation entsprechend ergänzt.
Zeptermarke mit KPM-Zusatz, Reichsapfel und Malersignet „P.“ (1837–1844)
Fachliche Hinweise, Anmerkungen und Korrekturen zur Historie